Halbzeit

Jetzt lebe ich schon ein halbes Jahr hier in Bolivien. Die Hälfte meiner Zeit ist um. Kaum zu glauben… die Zeit vergeht wie im Flug…

In meinem Projekt habe ich mich nun denke ich wirklich gut „eingelebt“. Die Kinder sind mir sowieso von Anfang an ans Herz gewachsen, aber mittlerweile klappt auch die Zusammenarbeit mit meiner Chefin und den anderen Freiwilligen viel besser. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber seit Jahresanfang 2014 habe ich das Gefühl, dass die Stimmung irgendwie viel lockerer und besser ist. Neue Ideen werden gerne angenommen und wertgeschätzt, es wird viel gelacht und auch mal über andere Themen fern unserer Arbeit, geplaudert.

Wir haben auch das grundlegende Gruppen- bzw. Workshop Konzept etwas geändert. Während wir im letzten Jahr an den Nachmittagen jeweils mit drei Gruppen von Kindern in gemischtem Alter gearbeitet haben, haben wir für dieses Jahr die Gruppen nach Altersklassen aufgeteilt, um unsere Angebote besser auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder abstimmen zu können.  Um außerdem etwas mehr Zeit zu haben, arbeiten wir jetzt jeweils nur noch mit zwei Gruppen von Kindern an den Nachmittagen und mit den aller Kleinsten dafür noch an zwei Vormittagen pro Woche.

Wirkliche Probleme habe ich in meinem Projekt eigentlich nicht.  Schwierig ist es nur manchmal mit den „Problemfällen“ unter den Kindern. ­Bei vielen der Kinder merkt man, dass sie in ihrer Entwicklung etwas zurück sind, dass sie bestimmte Sachen, die andere Kinder in ihrem Alter schon können, einfach noch nicht können.  Ein großes Problem bei vielen ist das Sprechen.  Es gibt einige Kinder, die mittlerweile schon 3 oder sogar 4 Jahre alt sind, aber noch gar nicht bzw. kaum sprechen. Des Weiteren ist es oftmals sehr schwer, Kindern, die gerade neu  ins Heim kommen die Angst zu nehmen und ihnen Gefallen an unserer Arbeit beizubringen. Und das Zuhören und „sich an Regeln halten“ fällt den Kleinen natürlich auch nicht immer leicht. Vielen fehlt es an Konzentration. Aber genau an diesen „Problemen“ versuchen wir, mit den Kindern zu arbeiten und es freut mich immer sehr, wenn man kleine Erfolge bemerkt. Und nicht nur die Erfolge machen mich glücklich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, wie begeistert die Kinder sind, wenn man sie für die Workshops abholt, wenn sie auf dich zugelaufen kommen und dich umarmen…

Mit meiner Gastfamilie verstehe ich mich nach wie vor sehr gut. Seit etwa zwei Monaten hat sich unsere Familie um ein weiteres Mitglied, Lucy aus England, die hier ebenfalls einen Freiwilligendienst absolviert, vergrößert. Mit ihr komme ich ebenfalls sehr, sehr gut klar.

Meine freie Zeit hier verbringe ich meistens mit meinen Freunden und, zum größten Teil, mit meinem Freund Alex. Jaaaa ich weiß, das führt jetzt wahrscheinlich zu vielen erstaunten und fragenden Gesichtern, aber soweit erstmal: Wir kennen uns jetzt schon einige Monate und ich bin ziemlich glücklich. Weshalb es mich, auch wenn ich noch ein weiteres halbes Jahr hier habe, jetzt schon traurig macht, an den Abschied von ihm zu denken… Aber bis dahin genießen wir erstmal die Zeit, die uns noch bleibt.

Ansonsten gehe ich mittlerweile regelmäßig ins Fitnessstudio, spiele jeden Sonntag Ultimate Frisbee und möchte jetzt auch unbedingt mit Salsa Kursen anfangen.

Worauf ich mich jetzt aber auch schon sehr freue ist das Reisen. Als erstes geht es für mich am 22. März für 10 Tage nach Buenos Aires. Ich besuche meinen Freund Wayne aus den USA, der dort gerade im Rahmen seines Studiums unterwegs ist. Ich hoffe auf wundervolles Wetter, tolles Essen, inspirierende Atmosphäre, durchtanzte Nächte und ja, so wie ich Wayne und mich kenne wird wohl auch das Shopping nicht zu kurz kommen! Und am 11. April kommen mich dann auch schon Mama, Papa und Marit für 3 Wochen besuchen. Mit ihnen werde ich gemeinsam Bolivien erkunden. Ich kann es kaum noch erwarten!!!

Ansonsten macht mein Spanisch langsam wirkliche Fortschritte. Während ich am Anfang kaum 3 Sätze verstehen, geschweige denn sprechen konnte, verstehe ich mittlerweile schon ziemlich viel und auch Unterhaltungen klappen schon gut. Ich möchte innerhalb der kommenden 6 Monate aber noch um einiges besser werden. Zugegeben habe ich mich am Anfang nicht sooo sonderlich bemüht, aber seit einigen Wochen versuche ich noch einmal die ganze Grammatik zu verinnerlichen und viele neue Vokabeln zu lernen.

Zu meinem Eindruck von Bolivien kann ich nur sagen, dass mir immer wieder die riesigen Unterschiede diversen Bereichen auffallen.

Zum einen wäre da natürlich die landschaftliche Diversität. Hier in La Paz bin ich von braun-grauen Felswänden umgeben, in nicht mal 3 Stunden kann ich aber auch im dschungelgleichen Coroico sein, oder aber auch den riesigen, einem Meer gleichenden Titicacasee bestaunen.

Jedoch auch die kulturellen und sozialen Unterschiede fallen immer mehr ins Auge. Momentan befinde ich mich in Sopocachi. Hier gibt es vor allem viele moderne Hochhäuser, in der Zona Sur gibt es zum Teil richtige Villen- wenn ich durch bestimm Straßen laufe denke ich, ich befände mich in den USA. Im Kontrast dazu gibt es zum Beispiel oben in El Alto kaum ein einziges, komplett fertiggestelltes Haus. Man sieht eigentlich nur Rohbauten aus Ziegelstein, mit einigen provisorisch eingebauten Fenstern, aber oftmals ohne wirkliches Dach. Auf den Straßen hier sieht man „Businessmen“ in Anzug und Krawatte, die sich von Schuhputzern mit Strumpfmasken-der Beruf des Schuhputzers ist hier so schlecht angesehen, dass oftmals sogar die eigenen Familien nichts wissen- die Schuhe polieren lassen. Neben dem modernen „Multicine Komplex“, in dem es unteranderem ein Kino, ein Fitnessstudio und viele Fastfood Restaurants gibt, betteln Frauen und Kinder um Geld. Nicht selten stolpert man über ein auf dem Boden schlafendes, von Drogen wohl völlig benebeltes Straßenkind.

Ansonsten scheinen Traditionen für Bolivianer sehr wichtig zu sein. Am ersten Märzwochenende war hier Karneval, es gab viele Umzüge mit fantastischen Kostümen, traditioneller Musik und Tänzen zu bestaunen. Anfangs lustig, auf Dauer aber etwas nervig fand ich allerdings die „Tradition“ sich mit Wasserbomben zu beschmeißen und mit Schaum zu besprühen.

Am 1. März bin ich mit einigen Freunden nach Oruru gefahren um mir, wie mir gesagt wurde, den „traditionellsten Karnevalsumzug Boliviens“ anzuschauen. Es war wirklich schön, bis das Ganze dann am frühen Abend ein etwas trauriges Ende nahm. Eine der provisorischen Brücken, über die man die Straße, auf der der Umzug statt, überqueren konnte, stürzte ein. Sie war wohl viel zu überfüllt. 5 Menschen starben. Meinen Freunden und mir ist nichts passiert, aber natürlich waren wir dennoch sehr geschockt, insbesondere da wir dieselbe Brücke etwa eine Stunde zuvor selbst überquert hatten.

Am 2. März habe ich dann meinen 20. (!!!) Geburtstag gefeiert. Kaum zu glauben, dass ich jetzt schon die 2 vorne stehen hab … Aber meine anfängliche „ich bin sooo alt“-Krise habe ich mittlerweile schon überstanden!

Um dann noch einmal auf die „Traditionen“ zurückzukommen: man sieht natürlich überall die traditionell gekleideten Cholitas. Was mich immer wieder zum Schmunzeln bringt ist, wenn eine dieser so „konservativ“ erscheinenden Damen ihr Smartphone zückt. Man kann an ihrer Kleidung allerdings schon erkennen, ob es sich um eine „wohlhabende“ Frau handelt oder nicht. Die Kleidung der „Smartphone-Cholitas“ unterscheidet sich definitiv von der Kleidung jener Cholitas, die hier an so gut wie jeder Straßenecke ihre Waren verkaufen…

Nunja, soweit also zu meinem nun schon 6 Monate andauernden Bolivien Abenteuer. Ich freue mich und bin schon sehr gespannt darauf, was mich in meiner verbleibenden Zeit hier noch so erwartet.

Und an dieser Stelle sollte ich mich dann wahrscheinlich auch noch mal für meine zugegeben klägliche Internetpräsenz entschuldigen … LO SIENTO!!!

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